Projekte 2019

Oktober 2019: Herbstliche Begegnung

Der Herbst ist die Zeit, wenn man nach der Sommerpause wieder mal bereit ist, die Ärmel hochzukrempeln und sich mit neuer Energie und frischen Ideen an die Arbeit zu machen. Es ist die Zeit des neuen Anfangs, die Zeit, um etwas Langfristiges zu starten.

Auch in der DSKG wehte dieser neue Wind. Am zehnten Oktober fand ein Treffen für die Mitglieder der Gesellschaft statt. Es gab mehrere Anlässe, zum einen wollte man sich treffen, um einfach Zeit miteinander zu verbringen und zu erfahren, wie das Leben nach dem Sommer weiterverlief. Zum anderen fanden Anfang Oktober die wichtigsten und die deutschesten aller deutschen Feierlichkeiten statt, solche wie der Tag der Deutschen Einheit und das Oktoberfest. Zusammen mit der Vorstandsvorsitzenden Krystyna Kadlewicz haben wir ein interessantes Programm entwickelt.

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Dieses Treffen war als Eröffnung einer Reihe gedacht, im Rahmen derer die DSKG nicht nur Mitglieder unserer Gesellschaft und anderer DFKs aus Niederschlesien zu sich einlädt, sondern auch die Vertreter verschiedener in Breslau ansässiger Minderheiten. Durch solche Art von Begegnungen bezweckt die DSKG, die Kontakte aufzufrischen und wieder eine sichtbare und stärkere Position in der Stadt einzunehmen. Durch solche Treffen wollen wir also nicht nur die obengenannten Ziele erreichen, sondern auch den kulturellen Austausch zwischen den Minderheiten ermöglichen. Aus diesem Grund luden wir diesmal die ukrainische Minderheit, die heutzutage sehr stark in Breslau vertreten ist und sich als eine der aktivsten und tatkräftigen Minderheiten in der Stadt etabliert hat, zu uns ein. Darüber hinaus durften wir in unserem Hause auch die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden begrüßen. Pater Marcin Arndt und Pastor Andrzej Fober erfüllten unsere Zeit mit den zuversichtlichen Worten und segneten somit auch diese Veranstaltungsreihe.

In unserem Saal hatten wir die Ehre, die an die gemeinsame Zukunft von Deutschen und Ukrainern appellierende Begrüßungsrede des Vorsitzenden des Verbandes der Ukrainer, Herrn Ihor Salamon, zu genießen. Seine Rede enthielt zugleich viele Witze und Geschichten, sowie viele schöne Erinnerungen, die auch mit unserer Gesellschaft verbunden waren. Nach seiner Begrüßung begannen wir mit dem künstlerischem Programm. Zuerst hat sich die Deutsche Minderheit vorgestellt. Unser Chor „Heimatsänger“ gab einen Auftritt und konnte ihr herbstliches Repertoire präsentieren. Daraufhin folgte der Gesang fröhlicher und einzigartiger ukrainischen Lieder.

Damit dieser kulturelle Austausch noch prägnanter wurde, wollten wir, dass unsere Mitglieder und Freunde etwas mit nach Hause nehmen. Was könnte besser sein, als neues Wissen und gute Stimmung? Es gelang uns, ein höchst unterhaltsames Quiz zu erstellen, das ich im Nachhinein mit Vergnügen und Freude durchführen konnte.

Nach diesem Teil folgte eine kurze Kaffeepause mit allerlei Köstlichkeiten. Es gab Kuchen, schlesischen Salat und Bratwurst. Darüber hinaus hat Herr Ihor Salamon ukrainische Konfitüren mitgebracht, die den anwesenden Gästen sehr geschmeckt haben (Die Konfitüren waren so lecker, dass sie noch nicht mal bis zum Ende der Veranstaltung reichten.).

Nach dieser Verkostung deutscher und ukrainischer Spezialitäten wartete auf alle noch eine  Überraschung, also ein Konzert der jungen talentierten lemkischen Band, „n-lem Folk“. Ihr Repertoire heiterte das Publikum auf und versetze es in eine wunderschöne Stimmung zum Abschluss dieses Treffens. Wir hoffen, dass solche Begegnungen auf breite Zustimmung stoßen und freuen uns schon auf die nächste, die für den vierten Januar geplant ist. Alle, die von diesem kurzen Beitrag inspiriert wurden, sind herzlich eingeladen; diejenigen, die noch skeptisch sind, sollten trotzdem kommen und sich hautnah inspirieren lassen!

Lyudmila Kurovskaya

Mai 2019: Maikranz – Ein Gartenfest mit Tradition 

Jedes Jahr im Mai findet in der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Breslau der sogenannte „Maikranz“ statt, ein Fest, das an den bekannten Maibaum-Brauch angelehnt ist. Die Mitglieder der Gesellschaft nehmen das Fest zum Anlass, im schönen Garten der Gesellschaft beisammen zu sitzen und sich in gemütlicher Runde auszutauschen.

Zum diesjährigen Maikranz machte der „Wonnemonat“ Mai seinem Namen alle Ehre. Strahlend blauer Himmel und sommerliche Temperaturen – das waren die Bedingungen, unter denen die Gäste des Maikranzes dieses Jahr zusammenkamen. Die neue Vorsitzende der Gesellschaft, Frau Krystyna Kadlewicz, moderierte das Treffen. Im Garten standen Festzelte für die Gäste und ein großer Baumstamm mit einem bunt geschmückten Kranz, dem so genannten „Maikranz“.

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Das Programm hatte wie immer einen lokalen Schwerpunkt. Zunächst trat der hauseigene Chor, „Die Heimatsänger“, mit seinem traditionellen Repertoire auf. Die „Heimatsänger“ tragen stets kunstvolle, schlesische Trachten bei ihren Auftritten und singen schlesische Lieder. Nach den „Heimatsängern“ gab es künstlerische Darbietungen von Schülerinnen aus Breslauer Lyzeen, die an der Schule schwerpunktmäßig Deutsch lernen.

Darüber hinaus hörten die anwesenden Gäste noch einen Vortrag zur Tradition des Maibaums. Dieser Brauch ist in vielen Teilen Mittel- und Nordeuropas verbreitet. Neben Deutschland, der Schweiz und Österreich, wird er auch in Tschechien, Slowenien oder den skandinavischen Ländern begangen (zumeist Anfang Mai oder zu Pfingsten, in Skandinavien jedoch zu Mittsommer). An vielen Orten wird dazu auf dem Dorf- oder Marktplatz ein geschmückter Baum aufgestellt. Oft sind mit diesen geschmückten Bäumen auch Dorf- oder Stadtfeste, wie der Tanz in den Mai, verbunden.

Die Kinder konnten während des Fests an einem Bastelworkshop teilnehmen. Anschließend tanzten sie nach alter Tradition gemeinsam um den Maibaum im Garten. Die übrigen Gäste saßen in den Festzelten bei Kaffee, Kuchen und saftigen Bratwürsten vom Grill zusammen. Hier gab es die Gelegenheit, alte Bekannte zu treffen und Neuigkeiten auszutauschen.

Neben den Mitgliedern der Gesellschaft, waren Vertreter des Breslauer Generalkonsulats, der deutschsprachigen Kirchengemeinden in Breslau, des Instituts für Auslandsbeziehungen, sowie der deutschen Minderheit aus ganz Niederschlesien eingeladen. Zu den Höhepunkten der diesjährigen Veranstaltung gehörte die Ansprache des neuen Generalkonsuls in Breslau, Hans Jörg Neumann. Dieser betonte in seiner Rede, dass ihm die Zusammenarbeit mit der deutschen Minderheit in Breslau sehr am Herzen liege.

Januar-April 2019: Lesereihe zu Schicksalen der Vertreibung 

Die deutsche Minderheit in Breslau (DSKG) organisierte im Frühjahr 2019 gemeinsam mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) eine Lesereihe zum Thema „Flucht und Vertreibung“. Vorgestellt wurden Bücher, die das sensible Thema aus deutscher, polnischer und jüdischer Sicht beleuchten und die Stadt Breslau als Ausgangs- oder Zielpunkt der Vertreibung ins Visier nehmen.

Die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten – nach wie vor ist dieses Thema identitätsstiftend für deutsche Minderheit in Polen. Doch auch Polen und Juden wurden im Zuge des Zweiten Weltkriegs vielfach aus ihrer Heimat vertrieben. Die Lesereihe „Vertrieben. Breslauer Schicksale“ konzentrierte sich auf unterschiedliche Vertriebenen-Schicksale rund um den Schauplatz Breslau und wollte die heutigen Einwohner der Stadt zu einem Dialog über das Thema anregen.

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Deutsch-jüdische Vertreibungsschicksale

Die Lesereihe „Vertrieben. Breslauer Schicksale“ begann mit einem Vortrag zum jüdischen Breslau während des Nazi-Regimes. Der Berliner Literaturwissenschaftler und Autor Lothar Quinkenstein konzentrierte sich dabei auf die Lebenserinnerungen zweier bedeutender Breslauer Juden – Willy Cohn und Walter Laqueur. In seinem Tagebuch („Kein Recht, nirgends“, erschienen im Böhlau-Verlag) beschrieb der Gymnasiallehrer und Historiker Willy Cohn (1888 – 1941) detailliert, wie die jüdische Bevölkerung Breslaus während des Nazi-Regimes diskriminiert, entrechtet und aus der Stadt vertrieben wurde. Der Vortrag stellte die Erinnerungen Cohns denen von Walter Laqueur (1921-2018) gegenüber, einem Schüler Cohns am damaligen Breslauer Johannes-Gymnasium. In seinen Erinnerungen beschreibt Laquer eindringlich, wie ihm die Flucht als Siebzehnjähriger aus der Stadt gelang.

Quinkensteins Vortrag fand im Sitz der Breslauer OP ENHEIM-Stiftung statt – einem Haus, das vor dem Krieg lange im Besitz der jüdischen Gemeinde Breslaus war. Er lieferte interessante Einblicke in die deutsch-jüdische Vergangenheit der Stadt und machte deutlich, welche Mechanismen der Ausgrenzung seit Jahrhunderten in Deutschland gegenüber den Juden in Gang waren.

Deutsche Vertriebenen-Schicksale

Ebenfalls im Oppenheim-Haus fand das zweite Treffen der Reihe statt, diesmal mit dem bekannten deutschen Schriftsteller Christoph Hein. In seinem Roman „Landnahme“ (2004) erzählt Hein die Geschichte Bernhard Habers, eines Vertriebenen aus Breslau, der in eine sächsischen Kleinstadt flieht und dort Feindseligkeit und Ausgrenzung erfährt. Der Roman ist angelehnt an Christophs Heins eigene Lebensgeschichte, denn auch er musste 1945 mit seiner Familie aus Niederschlesien ins verbliebene Deutschland fliehen.

Das Autorentreffen gab dem anwesenden Breslauer Publikum eine Vorstellung davon, wie das Leben vieler aus Schlesien vertriebener Menschen im verbliebenen Deutschland verlief. Die leitenden Themen dieses zweisprachig geführten Abends waren Heimatverlust, Fremdheit und Ausgrenzung – Themen, die aufgrund der weltweiten Flüchtlingskrise hochaktuell sind und doch auch einen lokalen Bezug haben. Denn viele Breslauer sind entweder selbst Vertriebene (aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten) oder haben Verwandte oder Bekannte mit einem solchen Hintergrund. Es verwundert daher nicht, dass an diesem Abend Erfahrungen beider Seiten miteinander verglichen und auch Gemeinsamkeiten festgestellt wurden.

Polnische Vertriebenen-Schicksale

Zum Abschluss der Reihe las Ulrike Draesner, preisgekrönte Schriftstellerin aus Deutschland, aus ihrem Roman „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ (2014). In diesem Roman werden die Lebenswege der schlesischen Grolmanns, die 1945 nach Bayern fliehen, mit dem Schicksal einer aus Ostpolen nach Breslau vertriebenen Familie verwoben. Draesner beschreibt u.a., wie es sich für diese polnische Familie anfühlt, kurz nach dem Krieg in der für sie „fremden Stadt“ Breslau zu leben. Auf der anderen Seite steht die deutsche Familie, bei der sich das Trauma der Vertreibung von einer Generation zur nächsten überträgt: So hat die Tochter des berühmten Affenforschers Eustachius Grolmann, Simone, panische Angst vor Schnee, weil ihr Vater im Winter 1945 aus Oels bei Breslau fliehen musste und dort Schreckliches erlebte. Für die Arbeit an diesem Aspekt des Romans – der Weitergabe von Traumata innerhalb der Familie – zog Draesner Forschungen aus den USA als Quelle heran, aber auch ihre eigenen Erfahrungen, die sie als Tochter eines Vertriebenen aus Schlesien machte.